Von Braun: Dissertation und sein Eintritt in das Heereswaffenamt

verfasst am 26. September 2016

Einleitung
Am 16. April 1934 legte der damals erst 22-jährige Wernher von Braun (1912-1977) seine Dissertation zur Erlangung der Würde eines Dr. phil. der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin vor. Das eigentliche Thema der Arbeit war „Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete“. Da Arbeit und der Originaltitel für geheim erklärt wurden und vermutlich, wie damals bei „Geheimdissertationen“ üblich, nicht einmal der Doktorand selbst ein Belegexemplar erhielt, wurde der Titel in der Promotionsurkunde durch das unverbindliche „Über Brennversuche“ ersetzt (Bild 1).

 

dissertation_kleinBild 1: Die Promotionsurkunde von Wernher von Braun, 1934. Bildquelle: DGRR 1960

 

 

Im Jahr 2014 veröffentlichte der Dresdner Raketenfachmann Dr.-Ing. Olaf Przybilski ein ausgezeichnet recherchiertes und geschriebenes technik-historisches Fachbuch „Vermischungsstrategien bei der Injektorentwicklung in Kummersdorf, Band 1“ (PRZYBILSKI 2014), in dem er auf die frühen deutschen Flüssigkeitsraketentriebwerke bis etwa 1935 eingeht. Geradezu sensationell sind die zahlreichen formatfüllenden Farbdarstellungen von Brennkammern und den ersten Flüssigkeitsraketen der Heeresversuchsstelle-West des deutschen Heereswaffenamtes (HWA) in Kummersdorf in detailgetreuer 3D-Nachkonstruktion.

Auf nicht ganz ungeteilte Zustimmung dürften allerdings die im Buch geäußerten Zweifel an der Urheberschaft von Wernher von Braun an verschiedenen Kapiteln seiner Dissertation stoßen (S. 17 und vor allem S. 113, wo die Frage aufgeworfen wird, ob er für seine Dissertation die Diplomarbeit eines Diplomanden wortwörtlich übernommen hat). Ebenso diskussionswürdig und nicht zu belegen ist die im Buch geäußerte Vermutung, dass von Braun schon vor seiner offiziellen Tätigkeitsaufnahme in der Heeresversuchsanstalt (auch Heeresversuchsstelle genannt) in Kummersdorf als aktives Mitglied des Berliner Raketenflugplatzes ohne Wissen und Billigung des Gründers (Rudolf Nebel) und der dortigen wichtigsten Mitglieder so etwas wie ein „informeller Informationsbeschaffer“ für das HWA gewesen sein könnte (S. 101).

In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, aufzuzeigen, wie belastbar bzw. wie unsicher und spekulativ nach Meinung des Verfassers (Köhler) diese Vorwürfe sind.

Bild 2: Aus der Zeit seiner Mitarbeit in der Heeresversuchsanstalt0302333_klein_1965 Kummersdorf sind wohl keine Aufnahmen von Wernher von Braun erhalten. Dieses noch nicht oft gezeigte Foto zeigt ihn etwas mehr als 25 Jahre später,  im Mai 1965, als immer noch sehr jugendlich aussehenden  53-Jährigen im Kennedy Space Center der NASA vor dem Start der Trägerrakete Saturn I-SA8, einer Vorläuferin der im Apollo-Mondlandeprojekt der USA eingesetzten Saturn V. Bildquelle: NASA Marshall Space Flight Center, Huntsville

 

 

Die Dissertation
Im Herbst 1932 – über das genaue Datum existieren unterschiedliche Angaben – trat Wernher von Braun (Bild 2) als ziviler Angestellter und zugleich erster Mitarbeiter des neu geschaffenen Referates für die Entwicklung von Flüssigkeitsraketen  in der neuen Versuchsstelle-West, etwa 45 km südlich von Berlin gelegen, ein. Die Versuchsstelle-West hatte man Anfang der 1930er-Jahre am südlichen Ende der Schießbahn West auf dem riesigen Gelände der Heeresversuchsanstalt Kummersdorf eingerichtet. Heute steht das Areal unter Denkmalschutz. Die einzige Hilfskraft des neu Eingestellten während der ersten Zeit war der Maschinenschlosser Heinrich Grünow; wenig später kam noch ein zweiter Schlosser, Paul Großkopf, hinzu (die Ingenieure Kurt Wahmke stießen erst 1933 und Walter Riedel erst Anfang 1934 zur Braun-Gruppe; der 30-jährige Wahmke kam bei einer schweren Brennkammerexplosion im Juli 1934 ums Leben). Referatsleiter und somit direkter (militärischer) Vorgesetzter von Wernher von Braun war der Hauptmann und spätere Generalmajor Walter Dornberger (1895-1980). Dornberger arbeitete nach Abschluss seines Maschinenbaustudiums an der TH Berlin-Charlottenburg seit Anfang 1930 im HWA und war dort anfangs für die Entwicklung von Feststoffraketen zuständig. Von Brauns erster offizieller Arbeitsvertrag trägt das Datum 27. November 1932; der Vertrag war auf vier Monate befristet. Gehalt: 14 RM je Arbeitstag, kein schlechter Lohn, wenn man bedenkt, wie wenig er bisher als „Hobby-Raketenbastler“ auf dem Raketenflugplatz Berlin verdiente und dass 1932 ein Kilogramm Brot 0,37 RM kostete. Arbeitsbeschreibung: „Entwurf, Leitung des Aufbaues und Vornahme von Untersuchungen an einem Flüssigkeitsrückstoß-Prüfstand auf Hauptbatterie West in Kummersdorf“. Offizieller Dienstantritt könnte der 3. November 1932 gewesen sein (PRZYBILSKI 2014), auch wenn anderen Quellen zufolge das Eintrittsdatum schon Anfang Oktober war. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass Wernher von Braun vor dem 3. November 1932 bereits kurze Zeit als Praktikant tätig war (KÖHLER 2014). Ebenfalls am 3. November 1932 legte er sein Vorexamen an der TH Berlin ab, um dann an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin (heute: Humboldt-Universität zu Berlin) weiter zu studieren und zu promovieren.

Seine Doktorarbeit hat er bereits rund 1 ½ Jahre nach Dienstantritt abgegeben. Dies ist deswegen im hohen Maße bemerkenswert, weil er während dieser kurzen Zeit nicht nur sein Maschinenbaustudium fortführen und promovieren, sondern in der Heeresversuchsanstalt-West vertragsgemäß praktisch und theoretisch an Flüssigkeitsraketen-Triebwerken arbeitete. Trotz entsprechend sehr langer Studien- und Arbeitstage in Berlin bzw. Kummersdorf fand er auch noch ausreichend Zeit für seine Hobbys Musik, Reiten, Wasser- und Luftsport. So erwarb er 1933 als 21-Jähriger erfolgreich seinen ersten Pilotenschein, nachdem er schon zwei Jahre zuvor die Flugerlaubnis für Segelflugzeuge erhalten hatte. Auch die Erlangung des Führerscheins und die Anschaffung seines ersten Autos, einem uraltem Hanomag, fielen in diese Zeit.

Seine beiden Doktorväter waren Prof. Dr.-Ing. Karl Emil Becker (1879-1940) und der promovierte Musikwissenschaftler und Physiker Prof. Dr. Karl Erich Schumann (1898-1985). Becker war der Vorgesetzte von Walter Dornberger und seit 1926 Leiter der Abteilung für Ballistik und Munition im HWA, ab 1932 Leiter des HWA-Prüfwesens, ab Februar 1933 Generalmajor und ab März 1933 ordentlicher Professor für allgemeine Heerestechnik und technische Physik an der TH Berlin-Charlottenburg. Der zweite Doktorvater, Schumann, war von 1932 bis 1944 Leiter der Forschungsabteilung des HWA und ab 1933 Leiter des sich mit Sprengstofftechnik befassenden II. Physikalischen Institutes der Universität Berlin.

Kein Wunder also bei dem gewaltigen Arbeitspensum des jungen Wernher von Braun, dass die Dissertation, die 1960 als 48-seitige Broschüre im Format DIN A4 von der Deutschen Gesellschaft für Raketentechnik und Raumfahrt e.V. als Sonderdruck herausgegeben und erst auf diese Weise einem größeren Interessentenkreis zugänglich wurde (DGRR 1960), nach heutigen Maßstäben mehrere „handwerkliche“ Fehler enthält. So fehlen in der gedruckten Veröffentlichung mehrere entscheidende Literaturhinweise, die drei Tafeln 2-4, der Textabschnitt 7 und mindestens eine Abbildung, auf die im Text Bezug genommen wird. Was besonders wundert, ist im Einführungskapitel der Hinweis, dass in der Dissertation unter anderem „die Ermittlung des Schubgewinnes durch Verwendung einer Expansionsdüse neu sein dürfte“. Dies alles ist aber kein Beleg dafür, dass die Arbeit hauptinhaltlich nicht von Wernher von Braun selbst stammt, zumal unsicher ist, ob wirklich die abgegebene Originaldissertation als Vorlage für die erst 26 Jahre später erschienene Druckversion diente und nicht nur eine Vorgängerversion.

 

Was für die geistige Urheberschaft von Wernher von Braun spricht
Für die geistige Urheberschaft Wernher von Brauns spricht die Tatsache, dass alle in der Dissertation enthaltene (auf Millimeterpapier handgezeichnete und handbeschriftete) Diagramme (Tafeln), ein wesentlicher Bestandteil des theoretischen Teils, seine Unterschrift tragen. Dass diese Diagramme nach Vorgabe des Doktoranden aus Zeitgründen möglicherweise von einer anderen Person, etwa einem Studenten oder einem Praktikanten, mit einem Kurvenlineal gezeichnet wurden, ist sicherlich kein Grund, Wernher von Braun Plagiat zu unterstellen. Wenn Kritik angebracht ist, dann richtet sie sich allenfalls an die beiden Doktorväter. Denn sie haben offensichtlich die Dissertation nicht gründlich genug geprüft – vielleicht, weil sie als Geheimarbeit nicht veröffentlicht und verteilt werden musste, sondern sofort unter Verschluss kam und weil das HWA für sein neues Raketen-Referat in Kummersdorf aus Imagegründen möglichst rasch einen promovierten Ingenieur benötigte.

Schon der Charakter und die Wesenszüge des bereits in jungen Jahren äußerst ehrgeizigen Wernher von Braun sprechen gegen den Plagiat-Vorwurf. Als er sich 1925 als 13-Jähriger das drei Jahre zuvor erschienene Buch „Die Raketen zu den Planetenräumen“ seines späteren Mentors Hermann Oberth (1894-1989) kaufte und es wegen der vielen darin enthaltenen Formeln nicht verstand, paukte er, gerade wegen seiner schlechten Schulleistungen in Mathematik sitzengeblieben, so lange Mathematik, bis die mathematischen Gleichungen für ihn ihren Schrecken verloren hatten. Er arbeitete sich dabei so intensiv in diese Materie hinein, dass er im Jahr 1928 damit begann, seine erste Schrift auf dem Gebiet der Raketentechnik mit dem Titel „Theorie der Fernrakete“ zu verfassen. Seine Leistungen hatten sich so verbessert, dass er 1929 als 17-jähriger Oberschüler vorübergehend den erkrankten Mathematiklehrer im Unterricht vertreten durfte.

Ein Jahr später traf der 18-Jährige, der damals gleichzeitig sein Praktikum bei der Maschinenfabrik August Borsig in Berlin-Tegel und sein Studium an der TH Berlin-Charlottenburg begonnen hatte, Hermann Oberth und half ihm spontan aus Begeisterung bei dessen Versuchen mit der sogenannten Kegeldüse für Flüssigkeitsraketen-Triebwerke, die auf dem Gelände Berlin-Plötzensee der Chemisch-Technischen Reichsanstalt stattfanden. Hier traf er auch auf die beiden Raketenpioniere Rudolf Nebel (1894-1978) und den nur fünf Jahre älteren Klaus Riedel (1907-1944); auf beide ist weiter unten mehrmals eingegangen. Oft verließ von Braun seine Berliner Wohnung schon um 5 Uhr morgens, arbeitete ab 6 Uhr acht Stunden lang bei Borsig, fuhr danach nach Plötzensee zu Oberth oder zur TH Berlin-Charlottenburg, um erst spät am Abend wieder nach Hause zu kommen.

Wer in der Lage ist, ein derartiges Pensum erfolgreich zu meistern, wird auch als junger Doktorand trotz extremen Zeitdrucks größtes Interesse daran haben, seine Doktorarbeit in ihren wesentlichen Inhalten selbst zu schreiben und nicht etwa schreiben zu lassen oder gar abzuschreiben. Es spricht eigentlich alles dafür – auch trotz der oben aufgeführten Auffälligkeiten in der Arbeit – dass Wernher von Braun für eine der allerersten deutschen Dissertationen auf dem Gebiet des Flüssigkeitsraketen-Antriebs selbst verantwortlich sein, die Brennkammern selbst konstruieren und die Versuche mit ihnen selbst planen, durchführen, auswerten und dokumentieren wollte. Schließlich musste er sich bei seinem Arbeitgeber, der ihm das Universitäts-Studium und die Brennkammerversuche für die Dissertation finanzierte, bewähren und sich für den Vertrauensvorschuss revanchieren. Außerdem: wer hätte ihm beim Erstellen der Arbeit auch maßgeblich inhaltlich helfen können? In der Heeresversuchsanstalt-West war er in der fraglichen Zeit der einzige Ingenieur, der Erfahrungen mit dem Bau von Flüssigkeitsraketen-Triebwerken und Flüssigkeitsraketen hatte.

 

heylandt-ofen-ruland_kleinBild 3: Ab Herbst 1932 testete die private Industriegasverwertungs-AG auf eigene Rechnung diese von Walter Riedel konstruierte regenerativ-gekühlte Raketenbrennkammer („Heylandt-Ofen“) für einen Schub von 210 N. Der Brennstoff (Ethanol, 75%) trat unten an der Ausströmdüse ein, umströmte zunächst den Kühlmantel entgegen der Richtung des Abgasstroms, trat oben seitlich wieder aus, um über das Brennstoffrohr in axialer Richtung eingeführt zu werden. Der flüssige Sauerstoff trat durch die obere Rohrverschraubung radial zu. Die aus Stahl gefertigte Raketenbrennkammer war 38 cm lang, der Innendurchmesser der Ausströmdüse betrug 29 mm, der Innendurchmesser der Brennkammer selbst 50 mm. Teilweise waren bei den Testläufen als interessierte Beobachter auch HWA-Offiziere anwesend, unter anderem Walter Dornberger. Das HWA kaufte zwar später die komplette Triebwerks-Versuchsanlage von der Industriegasverwertungs-AG  (PRZYBILSKI 2014), entschloss sich dann aber doch zur Eigenentwicklung von deutlich schubstärkeren Raketentriebwerken durch Wernher von Braun. Bildquelle: RULAND 1969

 

 

Die einzige Stelle außerhalb des HWA, die im fraglichen Zeitraum in Deutschland praktische Erfahrungen mit der Auslegung und dem Betrieb von (allerdings noch relativ sehr kleinen) Flüssigkeitsraketen-Brennkammern  („Heylandt-Ofen“, Bild 3) besaß,  war die Aktiengesellschaft für Industriegasverwertung des Unternehmers Dr. Paul Heylandt. Unwahrscheinlich, schon wegen der strikten Geheimhaltungspolitik des Heereswaffenamtes, dass die dort tätigen maßgeblichen frühen Raketeningenieure Walter Riedel (seit Februar 1928) und Arthur Rudolph (seit Ende Mai 1930) dem Doktoranden Wernher von Braun bei seiner Dissertation geholfen haben, zumal mit Arbeitsbeginn Wernher von Brauns in der Versuchsstelle-West die von Heylandt erhofften (weiteren) Raketenaufträge durch das HWA ausblieben. Auch der damalige Feststoffraketen-Hersteller Friedrich Wilhelm Sander (1885-1938), Wesermünde, ein Wegbegleiter von Max Valier und Fritz von Opel, der sich ab Mitte 1928 auch mit Flüssigkeitsraketen-Antrieben befasst hat (PRZYBILSKI 2014), dürfte keinen Anlass gesehen haben, sein Know-how an das Heereswaffenamt weiterzugeben. Sander hatte übrigens unter den Nationalsozialisten, die nach 1933/34 die kommerzielle und private Raketenaktivitäten verboten, noch mehr zu leiden als Nebel: als er 1935 trotz Verbot Raketen aus seiner Fabrik an Italien verkaufte, wurde er verhaftet, musste sein Unternehmen zu einem Spottpreis verkaufen und wurde zu 4 1/2 Jahren Gefängnis und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Er wurde 1938 entlassen (wegen Krankheit ?) und starb noch im gleichen Jahr.

 

Wie und warum sich Wernher von Braun im Herbst 1932 für eine Mitarbeit im Heeres-Waffenamt entschied

Zunächst ein chronologischer Rückblick in Kurzform über die Geschichte der frühen deutschen Flüssigkeitsraketen-Entwicklungen bis etwa 1932/33:

Juli 1927: in einem Nebenraum eines Breslauer Lokals gründen am 7. Juli der studierte Theologe Johannes Winkler (1897-1947) und der in Bozen geborene Astronom und Schriftsteller Max Valier (1895-1930) zusammen mit einigen weiteren Gleichgesinnten den Verein für Raumschiffahrt e.V. (VfR). Winkler wird deren 1. Vorsitzender. Im gleichen Jahr startet Winkler als Herausgeber die Monatszeitschrift „Die Rakete“ (Bild 4), die ihr Erscheinen aus Geldmangel jedoch drei Jahre später wieder einstellt. Der Verein selbst verzeichnet innerhalb weniger Monate einen unerwartet starken Zuwachs bis auf mehrere Hundert Mitglieder. Bekannte Raketentechniker und Weltraum-Enthusiasten wie Hermann Oberth, Rudolf Nebel, Klaus Riedel, Walter Hohmann, Walter Riedel, der Berliner Journalist Willi Ley und viele andere, so auch der junge Wernher von Braun, gehören ihm an.
Entgegen der meisten bisherigen Veröffentlichungen war der VfR nicht die erste weltweite Vereinigung ihrer Art, denn schon 1924 war in Moskau die Gesellschaft zum Studium interplanetarer Verbindungen entstanden, die mit praktischen Arbeiten auf dem Gebiet der Raketentechnik begann (AWDUJEWSKI, SCHATALOW et.al. 1979).

die_rakete_kleinBild 4: Am 15. April 1927 erscheint die erste Ausgabe der Zeitschrift „Die Rakete“, herausgegeben von Johannes Winkler, Breslau. Es handelt sich wohl weltweit um die erste Raketenzeitschrift. Der vierteljährliche Bezugspreis beträgt 60 Pfennig plus Porto. Foto: Horst Köhler

 

 

 

1928/29: Winkler arbeitet anfangs noch mit Feststoffraketen, befasst sich dann aber nur noch mit Flüssigkeitsraketen, da er nur mit ihnen eine künftige Weltraumfahrt für möglich hält. Der Flugzeugbauer Prof. Hugo Junkers, der für seine (Wasser-)Flugzeuge Starthilferaketen benötigt, wird auf die Arbeiten Winklers aufmerksam und stellt ihn im September 1929 als Versuchsingenieur in seiner Forschungsabteilung in Dessau ein.

Sommer 1929: Die Ufa wird durch die allgemeine Raketenbegeisterung in Deutschland inspiriert und beschließt, mit dem Regisseur Fritz Lang einen Stummfilm „Frau im Mond“ zu produzieren. Hermann Oberth erhält von der Ufa 10.000 RM und einen Vertrag, bei der Umsetzung der Weltraumszenen in einem Film-Raumschiff und bei dessen Bau zu beraten. Dazu kommt wenig später ein weiterer Auftrag, zur Uraufführung des Spielfilms eine tatsächlich funktionierende Flüssigkeitsrakete zu starten. Oberth stellt dazu Rudolf Nebel zu einem Gehalt von monatlich 600 RM und den russischen Studenten Alexander Scherschefski als Assistenten ein. Doch bald erkennt Oberth trotz einiger Teilerfolge mit der von ihm konstruierten Brennkammer („Kegeldüse“) der „Ufa-Reklamerakete“, dass die kurze Zeit verbleibende Zeit für eine Entwicklung und Erprobung nicht ausreicht. So findet die Filmpremiere am 15. Oktober 1929 ohne Raketenstart und auch ohne Hermann Oberth statt. Der VfR übernimmt die schriftlichen Aufzeichnungen und die bereits fertigen Teile der „Reklamerakete“ (GARTMANN 1958).

Ende 1929: Umzug des VfR von Breslau nach Berlin in ein Büro des Patentanwaltes und VfR-Mitglieds Erich Wurm.

März 1930: Seit Februar 1928 ist Walter Riedel (1902-1968), nicht zu verwechseln und verwandt mit Klaus Riedel, als Entwicklungsingenieur bei der Aktiengesellschaft für Industriegasverwertung in Berlin-Britz, dem Unternehmen von Paul Heylandt (1884-1947), beschäftigt. Dort arbeitet er ab 1930 mit Max Valier zusammen. Valier hat früher für Fritz von Opel Opel-Raketenautos und -Schlitten gebaut und gefahren, die mit Pulverraketen angetrieben wurden. Er beendete aber die Zusammenarbeit, als er erkannte, dass Fritz von Opel das Raketenauto nur als reine PR-Aktion sah.
Eine von Valier und Walter Riedel konstruierte ungekühlte Brennkammer („Rückstoßofen“) läuft im März 1930 zunächst mit Ethanol und gasförmigem Sauerstoff und ab Ende März in einer verbesserten Variante mit flüssigem Sauerstoff (Bild 3). Dabei werden Schubkräfte bis 210 N erreicht (PRZYBILSKI 2014). Anfang Mai 1930 schließt sich ein weiterer Raketentechniker, Arthur Rudolph (1906-1996), der Industriegasverwertungs-AG an.

Mai 1930: Max Valier setzt die Testfahrten mit Raketenautos in dem Unternehmen von Paul Heylandt fort, die nunmehr mit Flüssigkeitsraketen-Triebwerken und nicht mehr mit Pulverraketen angetrieben werden. Am 17. Mai verunglückt er tödlich bei einem misslungenen Probelauf eines neuen Flüssigkeitsraketen-Triebwerkes, das mit Shell-Öl (Paraffin) als Brennstoff arbeiten soll. Ein Eisensplitter der explodierenden Brennkammer trifft die Lungenschlagader des ungeschützt daneben stehenden Valier. Dieser verblutet innerhalb weniger Minuten in den Armen von Walter Riedel, noch bevor ein Krankenwagen eintrifft. Heylandt stoppt die Versuche mit Raketenautos daraufhin für ein volles Jahr.

Sommer 1930: Neben seiner Tätigkeit bei Junkers beschäftigt sich Winkler mit senkrecht startenden Flüssigkeitsraketen. Diese Arbeiten finanziert er zum großen Teil selbst, zum Teil erhält er regelmäßige Zahlungen von einem Mäzen, dem Hutfabrikanten Hugo A. Hückel. Hückel ist nicht nur Sponsor, sondern lässt sich regelmäßig detailliert über die Ergebnisse der Arbeiten und Versuche Winklers unterrichten und beeinflusst diese sogar.

Juli 1930: Das Nebel-Kernteam besteht neben Rudolf Nebel aus Klaus Riedel, dessen Freund, dem Berliner Bäckerlehrling Kurt Heinisch, sowie dem 18-jährigen Studenten Wernher von Braun. Hermann Oberth war nach Abschluss der Ufa-Arbeiten enttäuscht in seine Heimat nach Siebenbürgen gereist. Er kommt aber rechtzeitig zum 23. Juli 1930 nach Berlin zurück, denn an diesem Tag wird ein Brennkammerlauf der Oberth‘schen „Kegeldüse“ in der Chemisch-Technischen Reichsanstalt stattfinden. Dieser Test ist erfolgreich und wird vom Leiter der Behörde, Dr. Ritter, durch ein positives Gutachten dokumentiert (Bild 5).

 

p1060350Bild 5: Gruppenaufnahme der aktivsten frühen deutschen Raketenpioniere um Rudolf Nebel, entstanden im Juli 1930. Von links: Rudolf Nebel, Dr. Ritter von der Chemisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin-Plötzensee (mit Hut), Kurt Heinisch, Hermann Oberth (im dunklen Arbeitsmantel), Klaus Riedel mit der Mirak-1-Rakete und Wernher von Braun. Das Bild wurde im Sommer 1930 vermutlich von Rolf Engel aufgenommen. Bei der Rakete zwischen Heinisch und Oberth handelt es sich lediglich um ein Modell der von Oberth und Nebel gebauten „Ufa-Reklamerakete“, die jedoch nie geflogen ist (siehe oben).

Es gibt (wieder einmal) Streit zwischen Nebel und Oberth um Kompetenzen, Prioritätsansprüche und um die weitere Zielsetzung. Hermann Oberth, der nach seinem Ufa-Engagement in Deutschland kein regelmäßiges Einkommen mehr besitzt und mittellos zu werden droht, verlässt Berlin erneut und kehrt für fast zwei Jahre zu seiner Familie nach Mediasch zurück, wo er seinen Lebensunterhalt als Lehrer an seiner früheren Schule verdient. Von dort aus führt er einen umfangreichen, teilweise sehr kritischen Schriftverkehr mit zahlreichen Raketeningenieuren aus aller Welt. So schreibt er z.B. im Frühjahr 1930 an Rudolf Nebel:
„…Sie überschreiten ständig Ihre Befugnisse, halten sich nicht an meine Anordnungen, halten es überhaupt nicht für nötig, mich über den Stand der Arbeiten ausreichend zu unterrichten und meine Vorschläge entgegenzunehmen, machen sich an Arbeiten, denen Sie nicht gewachsen sind, verderben die Konstruktionen, gehen mit denen Ihnen anvertrauten Geldern nicht sparsam um, und machen von meinem Namen unrechtmäßigen Gebrauch….“ (BARTH 1979).

September 1930: Nebel, Heinisch und Riedel verbringen einen Urlaub auf dem Bauernhof von Riedels Großmutter Meta Riedel in Bernstadt (Sachsen) damit, ihre erste Flüssigkeitsrakete Mirak-1 für den Start vorzubereiten. Mirak-1 ist den Feuerwerkskörpern nachempfunden und besteht aus einem 30 cm langen zylindrischen Kopfteil von 4 cm Durchmesser, das den Flüssigsauerstoff und die Brennkammer enthält, sowie einem seitlich angebrachten Aluminium-Stabilisierungsrohr von 12 mm Durchmesser und 1,2 m Länge, das mit Brennstoff (Benzin) gefüllt ist (Bild 5). Die ersten Versuche mit der noch im Startgestell festgehaltenen kleinen Rakete verlaufen zwar erfolgreich, doch als der Flugkörper nach etlichen Bodentests am 7. September erstmals fliegen soll, explodiert er kurz nach der Zündung.

Herbst 1930: Rudolf Nebel sucht Berlin und seine Umgebung nach einem brauchbaren Gelände für Raketenstarts ab und findet es gegenüber der Chemisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin-Reinickendorf in einem alten abgelegenen und nicht mehr verwendeten Schießplatz mit einigen noch erhaltenen Bunkern. Er pachtet das Gelände, das er am 27. September offiziell übernimmt, für einen symbolischen Preis von jährlich 10 RM. Rudolf Nebel nennt das Terrain „Raketenflugplatz Berlin“. Einige der noch brauchbaren Bunker richtet er wohnlich ein und bezieht sie schon drei Tage später mit Mitarbeitern der ersten Stunde. Die Raketen-Mannschaft wird schnell größer, nachdem ihm das Arbeitsamt 15 Arbeitslose vermittelt; doch der Lohn von täglich nur 25 Pfennig ist nicht gerade üppig. Nebel beginnt sofort mit regen Aktivitäten zur Beschaffung von Spendengeldern, Möbeln, Werkzeugen und Werkzeugmaschinen. Dazu schreibt er zahlreiche Politiker, Firmen, Handwerker, Schulen, Hochschulen, Institute und Privatpersonen an, hält bezahlte Vorträge und schreibt Artikel gegen Honorar.
Wenig später zieht auch die VfR-Geschäftsstelle von Berlin-Stadt auf das neue Startgelände um.

Anfang November 1930: Oberth wird zum neuen Vorsitzenden des VfR gewählt, bleibt jedoch weiterhin in Rumänien. Sein Stellvertreter wird Willy Ley. Wenige Monate später legt Oberth aus Verärgerung über das seiner Meinung nach undurchsichtige Informations- und Finanzgebaren des VfR sein Vorstandsamt wieder nieder und tritt sogar aus dem Verein aus. Rudolf Nebel wird sein Nachfolger als Vorsitzender.

Frühjahr und Herbst 1931: Am 21. Februar erster Startversuch der Flüssigkeitsrakete HW-1 (HW = Hückel-Winkler; Bild 6) auf dem Dessauer Exerzierplatz bei Groß-Kühnau; die Rakete erreicht allerdings nur 3 m Flughöhe und fällt dann wieder zu Boden – ein Misserfolg. Der zweite Startversuch mit der reparierten HW-1 am 14. März 1931 vor einem kleinen Kreis geladener Gäste ist dagegen ein Erfolg (erreichte Flughöhe ca. 100 m, Flugweite 200 m). Er gilt als der erste erfolgreiche Start einer europäischen Flüssigkeitsrakete (damals war noch nicht bekannt, dass fast auf den Tag genau schon fünf Jahre früher, am 16. März 1926, dem Amerikaner Robert H. Goddard in Auburn in Massachusetts der weltweit erste Flüssigkeitsraketenstart gelang). Im April und Mai 1931 folgen weitere Starts (der erste Start einer von S.P. Koroljow entwickelten russischen Flüssigkeitsrakete, GIRD-X, fand am 25. November 1933 statt; die 30 kg schwere Rakete stürzte aber aus 80 m Höhe wegen eines Schadens an der Triebwerksbefestigung ab (GLUSCHKO 1973)).

 

winkler_kleinBild 6: Johannes Winkler neben seiner ersten Versuchsrakete HW-1 in einer Aufnahme aus dem Jahr 1931. Der Flugkörper besteht im Prinzip aus drei etwa 60 cm langen Rohren, die als Tanks für den flüssigen Sauerstoff, flüssiges Methan und komprimierten Stickstoff (Fördermedium) fungieren. Zwischen den Rohren ist am oberen Ende die Brennkammer angebracht, eine Raketenbauweise, wie sie damals noch üblich war. Quelle: ENGELMANN, ohne Datum

 

 

 

Da der Dessauer Exerzierplatz zu klein geworden war, verlegt Johannes Winkler mit seinem engsten Mitarbeiter Rolf Engel (1912-1993) auf Wunsch von Hückel seine Raketen-Versuchstätigkeit im Herbst 1931 vorübergehend ebenfalls auf den Raketenflugplatz Berlin-Tegel in ein leerstehendes Laborgebäude, ohne jedoch mit der Nebel-Gruppe zusammenzuarbeiten oder in Kontakt zu treten. Winkler befasst sich dort mit der Entwicklung und dem Bau der größeren, schubstärkeren und konstruktiv verbesserten Rakete HW-2, die einen maximalen Durchmesser von 0,4 m und eine Länge von 1,9 m besitzt (Bild 7).

Mai und Juni 1931: Wernher von Braun studiert im Sommersemester 1931 in Zürich. Die verbesserte Rakete Mirak-2 ist auf dem Raketenflugplatz Berlin fertig zum ersten Start. Der Flugkörper besteht aus zwei Rohren für die beiden Treibstoffe Flüssigsauerstoff und Benzin und einer wie bei der Mirak-1 oben angeordneten Brennkammer („Zweistaber“). Der erste Start am 18. Mai durch Klaus Riedel (Nebel weilt zu diesem Zeitpunkt auf einer seiner vielen Vortragsreisen) ist nur ein Teilerfolg, weil sich die Rakete nach dem Start in der Luft überschlägt. Sie wird sofort repariert und steht schon am 23. Mai für einen neuen Start bereit: Mirak-2 erreicht dabei eine Höhe von ca. 60 m, fliegt dann aber horizontal über den gesamten Platz hinweg, prallt schließlich gegen einen hohen Baum und wird dabei total zerstört. Die Flugweite beträgt etwa 600 m (Nebel 1972). Also erneut ein Misserfolg.

Juni 1931: Anfang Juni startet eine neu gebaute Mirak-2, erstmals mit einem Fallschirm. Nach einem tadellosen Aufstiegsflug auf etwa 500 m Höhe wird der Fallschirm jedoch zu früh ausgestoßen und reißt ab. Die Rakete erhält dadurch eine andere Richtung und bohrt sich weit außerhalb des Geländes tief in den Boden. Die darauffolgenden Flüge von Mirak-2-Raketen mit verbesserter Fallschirmauslösung verlaufen endlich erfolgreich. Sie finden vor zahlreichen zahlenden Zuschauern statt und erregen auch bei den Medien große Aufmerksamkeit. Die Raketenbegeisterung in Deutschland kennt zu diesem Zeitpunkt keine Grenzen.

Juni 1931: Rudolf Nebel und Klaus Riedel reichen ihre Patentschrift „Rückstoßmotor für flüssige Treibstoffe“ ein. Das Patent wird aber erst im Juli 1936 erteilt.

August 1931: Das Nebel-Team entwickelt den „Einstaber“ Mirak-3 mit hintereinanderliegenden Tanks, aber nach wie vor noch mit an der Raketenspitze angeordneter Brennkammer. Die Rakete ist zwar 4 m lang, besitzt aber einen Durchmesser von nur wenigen Zentimetern und ist damit schlecht über größere Distanzen transportierbar. Gleich der erste Start einer Mirak-3 im August 1931 ist ein Erfolg mit einer erreichten Gipfelhöhe von fast 1.000 m und einem sich ordnungsgemäß entfaltenden Fallschirm, so dass die Rakete unbeschädigt landet. Eine zweite Mirak-3, schräg abgeschossen, fliegt 7 km weit und wird erst nach langem Suchen gefunden.

Juli 1932: Kurt Wahmke (1904-1934), der ab 1922 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin für das Lehramt studierte und danach einige Jahre Unterricht in Physik, Chemie und Mathematik gibt wechselt Anfang Oktober 1931 zur Heeresfachschule für Wirtschaft und Verwaltung nach Potsdam, wird aber sofort von der Forschungsabteilung des HWA mit der Untersuchung und Verwendbarkeit von flüssigen Raketentreibstoffen und der Optimierung von Raketendüsen betraut. Gleichzeitig beginnt er im Institut von Prof. Schumann mit seiner Dissertation und untersucht dafür eine Vielzahl von gasförmigen und flüssigen Raketentreibstoffen. Der Testbetrieb beginnt am 4. Juli 1932 in einem Beobachtungsbunker auf dem Kummersdorfer Schießplatz.

September und Oktober 1932: Der erste Start der neuen Winkler-Rakete HW-2 (Bild 7) in der Nähe von Pillau in Ostpreußen am 29. September misslingt, ebenso ein zweiter Versuch am 6. Oktober, bei dem die Rakete noch im Startgestell explodiert. Winkler verzichtet auf weitere private Raketenexperimente – die Zusammenarbeit mit Hückel ist beendet; Johannes Winkler kehrt enttäuscht nach Dessau zurück und nimmt seine frühere Tätigkeit bei Junkers auf.

 

Bild 7: Die Winkler-Rakete HW-2, hier im Führungsgestell neben ihrem Erbauer, hat schon alle Anzeichen einer johannes-winklermodernen Flüssigkeitsrakete: stromlinienförmige Verkleidung, senkrecht hintereinander angeordnete Treibstoffbehälter, Stabilisierungsflossen und eine Brennkammer am unteren Ende. Ein erfolgreicher Start glückt allerdings nicht. Bildquelle: unbekannt

 

 

 

 

September bis Dezember 1932: Walter Riedel entwickelt und testet für Heylandt eine regenerativ gekühlte Flüssigkeitsraketenbrennkammer (“Heylandt-Ofen“) für etwa 210 N Schub und eine Brenndauer von 500 Sekunden. Bei einigen Brennkammertests sind auch Vertreter der Heeresversuchsanstalt-West anwesend, darunter Walter Dornberger. Die Versuchsstelle-West, die die Ergebnisse der Brennkammerversuche gegen Bezahlung erhält, signalisiert einen Auftrag an Heylandt über die Lieferung einer kompletten Versuchsanlage incl. der 210-N-Brennkammer, fordert aber vor der Auftragserteilung noch eine detailliertere Kostenaufstellung an. Nur wenig später bittet die Heeresversuchsanstalt noch um ein Heylandt-Angebot für eine wesentlich schubstärkere Anlage („Flüssigkeitsraketen-Aggregat“) mit einer 2-kN-Brennkammer (PRZYBILSKI 2014). Zu diesem Zeitpunkt ist Wernher von Braun bereits ein volles Jahr bei der Heeresversuchsanstalt-West in Kummersdorf angestellt.

 

Das Heer schaltet sich ein
Wenn auch einige der frühen deutschen Raketenpioniere mit ihrer praktischen Tätigkeit im Gegensatz zu Rudolf Nebel nicht an die Öffentlichkeit und die Medien traten, so waren doch fast alle, auch Wernher von Braun, Mitglieder des Vereins für Raumschiffahrt e.V., begegneten sich bei den Vortragstagen und sonstigen Zusammenkünften des Vereins, wo trotz aller verständlicher Scheu, zu viel von den eigenen Erfahrungen weiterzugeben, ein gewisser Erfahrungsaustausch stattfand. Davon profitierte sicherlich auch der talentierte Student Wernher von Braun, ganz abgesehen davon, dass er sich allein schon durch seine Tätigkeit bei Hermann Oberth und Rudolf Nebel nicht nur theoretische Fachkenntnisse, sondern auch umfangreiche praktische Erfahrungen bei der Brennkammerentwicklung und –Erprobung aneignen konnte. Er musste also bei seiner späteren Tätigkeit bei der Versuchsstelle Kummersdorf-West nicht bei Null beginnen. Dazu kam, dass Walter Dornberger schon seit dem Frühjahr 1930 Kontakt zu den verschiedenen Raketenpionieren hatte und über deren Absichten und Pläne informiert war (ENGELMANN, ohne Jahreszahl).

Wie es zum Übertritt von Brauns in die Heeresversuchsstelle kam
Ende 1931 erschienen nach den Erinnerungen von Wernher von Braun (RULAND 1969) Oberst Becker, Walter Dornberger und ein weiterer Offizier, alle in Zivil, auf dem Berliner Raketenflugplatz, wo sie mit Nebel und Wernher von Braun zusammentrafen. Sie ließen sich die kleine Rakete Mirak-1 zeigen. Vermutlich waren die Gäste von diesem Flugkörper enttäuscht, hatten sie doch größere Raketen mit schubstärkeren Raketenbrennkammern erwartet. Vor allem vermissten sie technisch-wissenschaftliche Aufzeichnungen und detaillierte Versuchsberichte. Nebel versprach, diese zu einem späteren Zeitpunkt vorzulegen. Wenige Wochen später, Anfang 1932, kamen die drei HWA-Führungsoffiziere erneut auf den Raketenflugplatz und bekamen nunmehr die verbesserte Mirak zu sehen, die zu diesem Zeitpunkt bereits einige erfolgreiche Starts absolviert hatte. Nebel und Wernher von Braun machten diesmal auf die Offiziere einen so positiven Eindruck, dass sie zur Vorführung einer ihrer Raketen auf dem Gelände Kummersdorf-West eingeladen wurden. Termin: 22. Juni 1932, Raketenstart um 6.30 Uhr. Allerdings war dem Heereswaffenamt die massive Öffentlichkeitsarbeit von Rudolf Nebel schon seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge.

Zum Abschuss einer 4 m langen Flüssigkeitsrakete Mirak-3 kamen neben Oberst Becker und Hauptmann Dornberger weitere Offiziere und zivile Angestellte des HWA, insgesamt fast 30 Personen. Seitens des Raketenflugplatzes reisten Rudolf Nebel, Klaus Riedel, Wernher von Braun und zwei oder drei weitere Mitarbeiter aus Berlin an. Das Raketentriebwerk sollte 21 Sekunden lang brennen; sieben Sekunden nach Brennschluss sollte der Fallschirm ausgestoßen werden. Die Rakete musste mindestens 3.500 m Flughöhe erreichen, wobei Nebel im Vorgespräch etwas voreilig und unbedacht angedeutet hatte, dass sogar 8 km Höhe kein Problem wären. Doch zur großen Enttäuschung aller Anwesenden wurden diese Ziele nicht erreicht. Die Rakete Mirak-3 prallte beim Aufschlag gegen einen Baum und zerbrach. Die Heeresversuchsanstalt gab in ihrem internen Bericht an, dass allenfalls 600 m Höhe erreicht wurde. Schlimmer noch war das vernichtende Urteil der Offiziere über Nebel selbst. In ihrem Aktenvermerk ist zu lesen: „Es hat sich wiederum gezeigt, dass Nebel unzuverlässig arbeitet, dass seinen Angaben mit größtem Misstrauen zu begegnen sind… Es ergibt sich also …. die Folgerung, dass eine engere Zusammenarbeit mit Nebel infolge seiner wider besseren Wissens gemachten Angaben, bei aller Anerkennung, dass es ihm gelungen ist, eine Flüssigkeitsrakete mit gut funktionierendem Raketenofen, bei einer Brenndauer von mehreren Sekunden vorzuführen, nicht in Frage kommt.“ (PRZYBILSKI 2014).

Nebel selbst ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nichts von dieser negativen Beurteilung, war aber über den Misserfolg verärgert, weil er sich vom Militär eine finanzielle Unterstützung seiner künftigen Arbeiten erhofft hatte, die nun abgelehnt wurde. Nicht einmal die direkten Unkosten für den Start in Höhe von 1.367 RM, die im Erfolgsfall vereinbart wurden, wollte man zahlen. Dornberger bot später an, 200 RM für die Transportkosten zu bezahlen, doch das lehnte wiederum Nebel ab.

Vergebens versuchte Nebel in den darauffolgenden Wochen bei mehreren Gesprächen mit Offizieren in Kummersdorf, die Situation zu retten. Nebel, Riedel und Wernher von Braun diskutierten die prekäre finanzielle Lage wieder und wieder, denn trotz der laufenden Einnahmen durch Spenden und Eintrittsgelder reichten die vorhandenen Mittel für die ehrgeizigen Raketenvorhaben des Raketenflugplatzes Berlin nicht aus. Schließlich entschied sich Wernher von Braun, selbst nochmals mit Oberst Becker zu sprechen. Doch auch er erfuhr nur das, was sich Nebel zuvor schon anhören musste: man sei zwar an der Raketentechnik grundsätzlich sehr interessiert, doch die öffentliche Arbeit des Raketenflugplatzes in Berlin müsse aufhören. Oberst Becker verwendete sogar die Wörter „Zirkusatmosphäre“ und „Spielzeugraketen“. Eine finanzielle Unterstützung sei nur dann möglich, wenn Rudolf Nebel und die Mitarbeiter des Raketenflugplatzes ihre Arbeiten unter Führung des Heereswaffenamtes auf dem geheimen Areal in Kummersdorf fortsetzen.

Von Braun informierte nach dem Gespräch Nebel und Klaus Riedel über seine Begegnung mit Oberst Becker. Sowohl Nebel als auch Riedel konnten sich nicht vorstellen, unter militärischer Aufsicht weiterzuarbeiten. Wernher von Braun dagegen war den Argumenten des HWA eher aufgeschlossen. Er gelangte immer mehr zu der Überzeugung, dass nur mit den Geldern der Heeresversuchsanstalt und deren vorhandenen professionellen technischen Einrichtungen eine Weiterentwicklung der modernen Raketentechnik in Richtung Weltraumfahrt möglich sein würde. An einen militärischen Einsatz der Flüssigkeitsrakete als Kriegsrakete dachte von Braun zu diesem Zeitpunkt, also 1932, noch nicht (RULAND 1969). Ein Jahr später hatte Hitler die Raketenversuche zunächst sogar gestoppt.

Immerhin stimmen Nebel und Riedel einem nochmaligen Vorstoß ihres jungen, sehr sicher und überzeugend auftretenden Kollegen Wernher von Braun bei Oberst Becker und seinen Offizieren in Kummersdorf zu. Wernher von Braun sehr viel später wörtlich (RULAND 1969): „Ich hoffte zuversichtlich, vom Heereswaffenamt aus meinen Freunden in Reinickendorf helfen zu können“. Doch Oberst Becker blieb hart. Bei diesem Gespräch sah Wernher von Braun endgültig ein, dass er seine eigenen ehrgeizigen Pläne auf dem Raketenflugplatz Berlin trotz der sehr engagierten Gruppe um Rudolf Nebel nie würde verwirklichen können – und nahm das für ihn sehr verlockende Angebot von Oberst Becker und Hauptmann Dornberger an, in der neuen Raketengruppe unter Walter Dornberger zu arbeiten, gleichzeitig an der Berliner Universität weiter zu studieren und zu promovieren.

Rudolf Nebel und seine Mitarbeiter waren sicherlich von dieser Entwicklung, über die sie informiert waren, nicht begeistert. Man trennte sich aber keinesfalls im Streit oder in Unfrieden, auch wenn oft behauptet wird, Wernher von Braun sei durch seinen Eintritt in die Heeresversuchsstelle Rudolf Nebel und seiner Mannschaft in den Rücken gefallen. Das Verhältnis der beiden Männer war und blieb immer gut, ganz im Gegensatz zum gestörten Verhältnis zwischen Oberth und Nebel. Zum 80. Geburtstag von Rudolf Nebel am 21. März 1974 schickte Wernher von Braun dem Jubilar aus den USA die folgende Zeilen: „…Du kannst gewiss sein, dass die Geschichte der Technik Deinen eigenen Anteil an dem Erfolg der bemannten Weltraumfahrt wohl zu würdigen weiß. … Ich selbst bin Dir in Dankbarkeit verbunden, da Du es warst, der mich als jungen Studenten mit den praktischen Problemen der Entwicklung der Flüssigkeitsrakete in Verbindung brachte ….“.

Rudolf Nebel hatte es beruflich nach 1933/34 sehr schwer, zumal er weder mit militärischen Stellen zusammenarbeiten noch der NSDAP beitreten wollte. Ein aus heutiger Sicht völlig utopisches Vorhaben mit der Stadt Magdeburg unter der Bezeichnung „Magdeburger Pilotenrakete“, dort im Sommer 1933 eine 8 m lange bemannte Rakete mit 7,5 kN Schubkraft mit Kurt Heinisch als Pilot (Heinisch sollte aus 1.000 m Höhe mit dem Fallschirm abspringen, die Rakete aber bis zum Gipfelpunkt weiterfliegen) zu starten, misslang und hat Nebel sehr geschadet: eine noch unbemannte Test-Rakete hob entweder wegen eines zu geringen Schubs nicht planmäßig ab oder verklemmte sich in dem 12 m langen Holz-Startgestell. Nach Verlassen des Startgestells neigte sie sich zur Seite, flog nur etwa 60 m weit und brannte nach einer Flugzeit von 15 Sekunden am Boden aus (RIETZ 2000). Es kam zwar noch zu weiteren Versuchsstarts von einem Boot auf Berliner Seen aus. Doch das 35.000-RM-Vorhaben, das schon im Vorfeld vom Heereswaffenamt kritisiert und torpediert wurde, wurde letztlich eingestellt.

Für Nebel kam es noch schlimmer: Im Juni 1934 wurde er im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch verhaftet und auf Lebenszeit von jeglicher weiteren Tätigkeit auf dem Gebiet der Raketentechnik ausgeschlossen. Gleichzeitig wurde der Raketenflugplatz Berlin für immer geschlossen und jegliche private Raketentätigkeit in Deutschland strikt verboten. Die meisten erfahrenen Mitarbeiter des Raketenflugplatzes Berlin traten nun ebenfalls in die Heeresversuchsanstalt-West in Kummersdorf ein und verstärkten das Team um Walter Dornberger und Wernher von Braun (Bild 8).

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERABild 8: Vermutlich  im Sommer 1933 begann W. von Braun mit seinem damals noch recht kleinen Team in Kummersdorf mit der Erprobung und Optimierung des konstruktiv verbesserten sog. 2B-Raketenofens aus Reinaluminium, den es in mehreren Varianten gab. Technische Daten: Schub ca. 3 kN, Gasausströmgeschwindigkeit 1.600 m/s, Gesamtverbrauch an Brennstoff (Ethanol) und Flüssigsauerstoff 2 kg/s, Brennkammerdruck ca. 10 bar, Brenndauer 16 sec, Gesamtlänge 515 – 545 mm, innerer Brennkammerdurchmesser 160 mm. Zur Kühlung trat der Brennstoff in den Ringkanal am Austritt der Expansinsdüse ein und strömte in einem Doppelmantel unter Druck zum Einspritzkopf der Brennkammer. Dieses detailgetreue 1:1-Modell des 2B-Ofens fotografierte Horst Köhler im Hermann-Oberth-Museum in Feucht bei Nürnberg.

 

Wernher von Braun hatte diese Entwicklung wohl vorausgesehen, als er schon im Herbst 1932 Mitarbeiter des HWA wurde.

 

Verwendete Literatur:
AWDUJEWSKI W.S., SCHATALOW W.A. et.al. (1979): Raketen-Satelliten-Raumstationen: Der Weg der UdSSR und der anderen sozialistischen Länder in den Weltraum. VEB Fachbuchverlag Leipzig
BARTH HANS (1979): Hermann Oberth – Briefwechsel. Kriterion Verlag Bukarest
ENGELMANN JOACHIM (ohne Jahreszahl): V2 – Aufbruch zur Raumfahrt. Podzun-Pallas-Verlag GmbH Friedberg, Band 91, ISBN 3-7909-0241-1
DGRR (1960): Raketentechnik und Raumfahrtforschung, Sonderheft 1: Dissertation Wernher von Braun 1934
GARTMANN HEINZ (1958): Träumer – Forscher – Konstrukteure: Das Abenteuer der Weltraumfahrt. Econ Verlag GmbH
GLUSCHKO WALENTIN P. (1973): Entwicklung des Raketenbaus und der Raumfahrt in der UdSSR. APN-Verlag Moskau
KÖHLER HORST (2014): Zur Kritik an Wernher von Braun. ISBN 978-3-00-045906-1, 84 S. (Bezug über den Autor)
PRZYBILSKI OLAF (2014): Raketentriebwerke aus dem deutschen Heereswaffenamt; Band 1: Vermischungsstrategien bei der Injektorentwicklung in Kummersdorf. BoD Norderstedt, ISBN 978-3-7357-3660-4, 168 S.
RIETZ FRANK-E. (2000): Der erste bemannte Raketenflug bereits 1933? Luft- und Raumfahrt 1/2000, S.34-37

 

W. von Braun: Schriftverkehr mit einer Stadt

verfasst am 25. August 2016

Wie aus dem letzten Beitrag in dieser Rubrik vom 30. Juli 2016 (siehe weiter unten) ersichtlich ist, erhielten alle 40 deutschen Städte und Gemeinden mit Wernher-von-Braun-Straßen oder -Plätzen meine im Jahr 2014 erschienene Biografie über das Wirken des bekannten deutschen Raketeningenieurs während der Nazi-Herrschaft. Im Begleitschreiben wurde gebeten, bei einer etwaigen kritischen Überprüfung der NS-Belastung von Wernher von Braun auch die offensichtlich heute kaum noch bekannten entlastetenden Fakten zu würdigen.
In ihrer Rückmeldung führte eine der angeschriebenen Stadtverwaltungen aus, dass eine städtische AG historisch belastete Straßennamen der Stadt überprüft, aber vor wenigen Wochen ihre Tätigkeit bereits abgeschlossen hat und nunmehr wahrscheinlich im Herbst ihr Ergebnis dem Stadtrat vorlegen wird. Dann wird zu sehen sein, ob es in dieser Großstadt zum weiteren Verschwinden einer Wernher-von-Braun-Straße kommt.
In diesem Fall kam meine Aktion leider zu spät, bei anderen Städten und Kommunen hoffentlich noch rechtzeitig. Nachfolgend mein heutiges Antwortschreiben an die Stadt:

Über Ihre freundlichen Zeilen habe ich mich gefreut, auch wenn Ihre Stadt meine Biografie über den früheren deutschen Raketeningenieur Wernher von Braun zu spät für eine evtl. Berücksichtigung durch Ihre Arbeitsgemeinschaft „Historische Straßennamen“, die historisch belastete Straßen- und Plätzenamen überprüft, erhalten hat.

Ein derartiges Gremium ist um seine Arbeit wahrlich nicht zu beneiden, denn eine ausreichend gewissenhafte Würdigung des Schaffens und Wirkens der diversen heute als NS-belastet angesehenen Persönlichkeiten erfordert viel zeitaufreibende Recherche, Einfühlungsvermögen in die damalige politische und auch persönliche Situation der Betroffenen in einer Diktatur, jedenfalls nicht nur Übernahme von kritik- und haltlos übernommenen, meist einseitig übertriebenen Medien-Aussagen. Es wäre außerdem gut, wenn in derartigen Gremien nicht nur Kommunalpolitiker, Philologen und Historiker beraten, sondern auch Ingenieure, die in der Lage sind, die Bedeutung der herausragenden Leistungen und Entwicklungen zum Beispiel eines Wernher von Braun zu erkennen. Denn letztlich profitieren wir heute mit der friedvollen Raumfahrt und Satellitentechnik alle von dem Ideenreichtum und Visionskraft von Brauns, dessen große Motivation, auch in der Hitler-Diktatur, stets der zivile Einsatz der Großrakete war. Weil er dies öffentlich äußerte, saß er zwei Wochen lang in einem Gestapo-Gefängnis ein und kam nur durch Glück aufgrund seiner beruflichen Unabkömmlichkeit durch Fürsprache seiner militärischen Vorgesetzten frei. Ein drohender Strafprozess gegen ihn blieb bis Ende des 2. Weltkrieges immer nur ausgesetzt, war also nie eingestellt.

Natürlich war Wernher von Braun, den ich noch persönlich kennenlernen konnte, ein Karrierist; er war überaus ehrgeizig, duldete kaum Konkurrenz neben sich und genoss seine Privilegien (z.B. eigenes Flugzeug, Ernennung zum Professor durch Hitler). Was im Gegensatz zu vielen Medienberichten aber nicht zu belegen ist: er war kein Nazi (zur SS-Mitgliedschaft wurde er gedrängt), noch weniger ein Nazi-Verbrecher, noch konnte er das Leid von Tausenden KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern verhindern, die nach dem Bombenangriff auf Peenemünde untertage im Südharz unter menschenverachtenden Bedingungen und Überwachung durch die SS an der Serienherstellung der militärischen A4-Rakete schuften mussten. Er war ein feiner, gebildeter, musikalischer (Familien-)Mensch, lebte als überzeugter Christ seine streng protestantische Erziehung vor. Er war keiner von denen, die Menschen verachteten, denunzierten, quälten oder sogar schlugen oder bei Hinrichtungen zugegen waren, wie dies – fälschlicherweise – heutzutage gelegentlich ebenfalls behauptet wird.

Damals herrschte brutaler Krieg, eine Situation, in die sich die heutige Generation wohl kaum noch hineinversetzen kann. Der Missbrauch von Zwangsarbeitern und KZ-Häflingen galt in Deutschland auch bei der Bevölkerung als „normal“, weil freie Arbeitskräfte kaum zur Verfügung standen: in der Industrie (z.B. unterhielt BWM ein eigenes KZ), im Straßenbau, in der Landwirtschaft, natürlich in praktisch allen Rüstungsbetrieben, Kommunen, sogar in Kirchen und Klöstern. Nach zahlreichen Industrie- und Kirchenführern und Bürgermeistern dieser Zeit, die davon wussten und profitierten, sind heute Straßen, Plätze und kommunale Einrichtungen benannt, ebenso nach vielen deutschen Wissenschaftlern und Ingenieuren, darunter auch Nobelpreisträgern und Repräsentanten der besten deutschen Hochschulen und Universitäten, die für das A4-Raketenprogramm arbeiteten und in Peenemünde ein- und ausgingen.

Wenn also eine Wernher-von-Braun-Straße aus heutiger Sicht nicht mehr tragbar ist, müssten dann konsequenterweise nicht auch Hunderte weiterer Namen verschwinden? So etwa eine Messerschmitt- oder eine Bölkow-Straße, ein Krupp-Platz oder ein Blohm-&-Voss-Ring? Oder ein Hindenburg-Weg?

Nein, eine derartige AG wie die Ihrige hat wirklich keine einfache Aufgabe. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis in Sachen Wernher von Braun.

Mit freundlichem Gruß,
Horst Köhler

Wernher von Braun-Biografie an alle Städte/Gemeinden mit Wernher-von-Braun-Straßen verschickt

verfasst am 30. Juli 2016

Horst Köhler, Autor der im Sommer 2014 im Eigenverlag erschienenen Biografie „Zur Kritik an Wernher von Braun“ und zugleich Betreiber dieser gleichnamigen Website, hat Ende Juli 2016 je ein kostenloses Exemplar seines 80-seitigen Druckwerkes an alle 40 deutschen Gemeinde-und Städteverwaltungen verschickt, in deren Gebieten es Wernher-von-Braun-Straßen gibt. Die Aktion soll dazu dienen, einen Gegenpol zu den immer wieder auftauchenden Bestrebungen oder Anträgen ganz unterschiedlicher Interessengruppierungen in einzelnen Kommunen zu setzen, bestehende Straßen mit dem Namen des bekannten Raketeningenieurs umzubenennen und den kommunalen Entscheidern derartiger Maßnahmen solide Argumentationshilfen an die Hand zu geben.
Im Gegensatz zu Wernher von Braun ist der frühe Raketenpionier Hermann Oberth als Namensgeber von Straßen in nur sechs deutschen Kommunen vertreten: Putzbrunn, Bruckmühl, Oberkotzau, Herdecke, Minden und Feucht, dem langjährigen Wohn- und Sterbeort Oberths. Interessant ist, dass es in Putzbrunn, Bruckmühl und in Oberkotzau sowohl eine Wernher-von-Braun- als auch eine Hermann-Oberth-Straße gibt.

Biografie nur noch bis Anfang September 2016 erhältlich
An dieser Stelle wird darauf hingewiesen (siehe auch die Meldung vom 26. März 2016 weiter unten), dass die Biografie von Horst Köhler über Wernher von Braun wie vorangekündigt nur noch bis Anfang September 2016 erhältlich ist; auch der Buchhandel wird danach nicht mehr ausliefern. Bestellungen sind daher nur noch bis Ende August möglich über den Buchhandel (ISBN 978-3-00-045906-1) zum regulären Preis. Bei Bestellungen an den Autor direkt per Email, Fax oder brieflich (siehe Rubrik „Impressum“) wird das Druckwerk zu einem reduzierten Preis von nur Euro 9,80 + Euro 1,50 Porto/Versand dann abgegeben, wenn sich der Besteller ausdrücklich auf das Sonderangebot in dieser Website bezieht.

Betriebsaufgabe Horst Köhler-Verlag

verfasst am 26. März 2016

Zum 16. März 2016 hat der Augsburger Horst Köhler-Verlag, der diese Website unterhält und die gleichnamige Biografie „Zur Kritik an Wernher von Braun“ herausgegeben hat, kürzlich bei den zuständigen Stellen die Betriebsaufgabe angekündigt. Wie in solchen Fällen üblich ist, haben Verlage nach diesem Schritt noch einige wenige Monate Zeit, ihre Produkte im Rahmen einer Schlussverkaufsaktion anzubieten. Nach Ablauf dieser von den Finanzbehörden eingeräumten Frist darf der Verlag keine Vertriebstätigkeit (Einkünfte aus Gewerbetätigkeit) mehr ausüben. Zu diesem Zeitpunkt noch vorhandene Restbestände von Druckwerken müssen entsorgt werden.
Der Horst Köhler-Verlag bietet aus diesem Grund ab sofort seine erst 2014 erschienene Wernher-von-Braun-Biografie zu einem reduzierten Preis an, siehe die Rubrik „Neue Biografie über Wernher von Braun“ dieser Website. Bitte nützen Sie diese günstige Einkaufssituation jetzt, da das Druckwerk ab Januar 2017 nicht mehr zur Verfügung stehen wird.

Online gestellt am 27. März 2016

Das Historisch-Technische Museum Peenemünde

verfasst am 29. Januar 2015

Technikausstellung oder volkspädagogische Information?

Seit 1991 existiert in Peenemünde auf der Insel Usedom das Historisch-Technische Museum Peenemünde (HTM), heute eine GmbH. Es befindet sich unmittelbar dort, wo bis Kriegsende unter der technischen Leitung von Wernher von Braun die Rakete A4 entwickelt wurde. Unter anderem unterhält das HTM einen Shop, der eine große Anzahl an Schriften und Büchern anbietet. Zur Ergänzung dieses Angebots schlug ich vor, meine im letzten Jahr erschienene Biografie „Zur Kritik an Wernher von Braun“ (siehe Rubrik „Neue Biografie über Wernher von Braun“ in dieser Website) mit in das Sortiment aufzunehmen. Doch das Museum lehnte vor wenigen Tagen ab. Die Begründung: die Biografie sei eine „sehr einseitige Apologie und ein untauglicher, da schon längst enttarnter Versuch, das geschehene Unrecht an die SS und die damalige politische Spitze des NS-Systems zu delegieren“.

In der Tat präsentiert das HTM für die Eintrittsgebühr (zurzeit 8 Euro für Erwachsene) nur relativ wenig Raketentechnik und -geschichte und kommuniziert dafür eher den, wie es heißt, „verhängnisvollen Pakt der Raketenbauer mit den damaligen Machthabern“. Das sollte jeder technisch interessierte Besucher des HTM wissen, vor allem dann, wenn er eine längere Anfahrt auf sich nehmen muss. Natürlich dürfen die vielen Opfer des A4-Raketenvorhabens keinesfalls vergessen werden, zu denen auch zivile Mitarbeiter der damaligen Heeresversuchsanstalt und ihre Familien zählen, die bei einem Luftangriff der Engländer auf Peenemünde ums Leben kamen. Doch ein Museum, das technisch und historisch ausgerichtet sein und neutral informieren will, sollte Peenemünde nicht gleichzeitig als Wiege der Raumfahrt, vor allem aber als „Brutstätte von Terrorwaffen und Massenvernichtungsmitteln“ sehen. Wo bleibt da die Begeisterung für die historische Raketentechnik, eine Disziplin, auf der Deutschland einmal weltweit führend war? Wo bleibt die Anerkennung der technischen Leistung von Wernher von Braun mit seinem Team, auch wenn er mit seiner Gruppe eine Kriegsrakete entwickelte und wusste, dass sie im thüringschen Untertagewerk mit massivem Einsatz von KZ-Arbeitern gebaut wurde?

Gerade in diesen Tagen wurde in den Medien im Zusammenhang mit „70 Jahre Befreiung von Auschwitz“ wieder einmal auf die fürchterlichen Gräueltaten in den Konzentrationslagern aufmerksam gemacht. Bedrückend und beschämend ist, wie KZ-Kommandanten und ihre Untergebenen, darunter auch Frauen, geradezu eine teuflische Freude daran hatten, Kinder und Erwachsene unter Zufügung unvollstellbar großer Schmerzen zu quälen und bestialisch zu ermorden. Das waren die Kriegsverbrecher und nicht Wernher von Braun, auch wenn ein Teil der Medien und damit leider auch weite Teile der Öffentlichkeit eine Nähe Wernher von Brauns zu diesen Schergen konstruiert. Wenn man dann weiß, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz dieser gewissenlosen Verbrecher nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen wurde, dann bleibt in der Tat nur Kopfschütteln, Wernher von Braun, der nie einem Häftling Böses angetan, nie jemand denunziert, Gewalt angetan oder gar geschlagen hat, ernsthaft eine Mitverantwortung an die Verbrechen des Nazi-Systems anzuhängen.

Schade, dass die teilweise abstrusen Vorwürfe erst lange nach dem Tod des einst mit hohen internationalen Auszeichnungen geehrten Raketeningenieurs und nicht schon zu dessen Lebzeiten bekannt geworden sind. Denn v. Braun hätte sich, ohne zu zögern, jedem Tribunal und Gericht gestellt – und Klarheit geschaffen. Wer von seinen vielen heutigen „tapferen“ Kritikern, die erst nach dem Tod von Brauns an die Öffentlichkeit gingen, hätte an seiner Stelle unter den damaligen Bedingungen in einer kompromisslos vorgehenden militärischen Diktatur anders gehandelt als er es tat – tun musste?
Schade auch, dass es das HTM nicht wagt, eine neue Biografie, die Wernher von Braun nicht als Kriegsverbrecher und Mitschuldigen am Tod von Tausenden von KZ-Arbeitern sieht und dies auch begründet, in sein Shop-Angebot aufzunehmen. Eine Contra-Position zu den vielen Anti-von Braun-Publikationen würde dem Museum nicht schaden. Doch andere Meinungen als die des HTM und des zuständigen Bundeslandes sind wohl nicht gewollt und sollen, so sieht es aus, gegen das Gebot der Meinungsfreiheit mit Nachdruck unterdrückt werden …

Horst Köhler

Bayerischer Kultusminister und die Verwandtenaffaire

verfasst am 25. Juni 2014

Im Zusammenhang mit der äußerst heftigen Diskussion um die im Dezember 2013 erfolgte Rückgabe des Schulnamens des früheren Wernher-von-Braun-Gymnasiums in Friedberg hatte sich das Bayerische Kultusministerium schon früh gegen Wernher von Braun als Namenspatron festgelegt. So stellte der Bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) nach einem Bericht in der Friedberger Allgemeinen schon Anfang März 2013 fest, dass W. von Braun nicht von der Verbrechensbilanz des Dritten Reichs zu trennen sei und damit nicht Namensgeber von staatlichen Schulen sein dürfe. Schon zuvor hatte auch sein Staatssekretär Bernd Sibler (CSU) verlauten lassen, dass er den Schulnamen für inakzeptabel hält (Friedberger Allgemeine, 15.2.2013).
Interessanterweise gehören sowohl Spaenle als auch Sibler zu den fünf bayerischen Kabinettsmitgliedern, die ihren Ehefrauen oder nahen Verwandten für die Mitarbeit in ihren Abgeordnetenbüros teilweise hohe Gehälter aus der Staatskasse bezahlt hatten und deswegen stark kritisiert wurden. Die Ehefrau von Kultusminister Spaenle erhielt als wissenschaftliche Mitarbeiterin zwischen 1997 und Anfang 2013 beispielsweise 635.000 Euro, wovon Spaenle lediglich für seine Zeit im Kabinett Seehofer 37.343 Euro zurückzahlte. Die Frau von Kultusstaatssekretär Sibler erhielt für ihre Teilzeit-Mitarbeit zwischen September 2000 und Oktober 2007 rund 90.000 Euro; Sibler beschäftigte kurzzeitig auch seine Mutter, musste aber nichts zurückzahlen, weil er diese Arbeitsverhältnisse vor seinem Eintritt in das Kabinett Seehofer aufgelöst hatte.
Die Beschäftigung von nahen Angehörigen durch Kabinettsmitglieder, deren Rücktritt von der Opposition gefordert wurde, war moralisch zweifelhaft, aber nicht illegal – doch die Tätigkeit von Wernher von Braun als Entwicklungschef der A4-Rakete in Peenemünde war noch viel weniger illegal!

Zeichnungsfrist für Umbenennung der Wernher-von-Braun-Straße in Gersthofen beendet

verfasst am 25. Juni 2014

Seit mehreren Jahren kämpft die regionale Arbeitsgruppe Augsburg-Schwaben des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“ in der Stadt Gersthofen (bei Augsburg) für eine Umbenennung der dortigen Wernher-von-Braun-Straße, siehe auch den Beitrag „Diskussion um Wernher-von-Braun-Schulen und -Straßen“ vom 12. April 2014. So holte der Verein Anfang Juli 2013 die Wanderausstellung „Zwangsarbeit bis zum Endsieg – Das KZ Dora 1943-1945“ in das Gersthofener Ballonmuseum. In diesem Zusammenhang hielt der Leiter der KZ-Gedenkstätte KZ Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, einen Vortrag mit dem – unpassend formulierten – Thema „V-Waffen und Verbrechen. Wenher von Braun und der Nationalsozialismus“. Außerdem konnten Befürworter der Umbenennung seit Mitte Februar 2013 eine (ebenfalls recht reißerisch formulierte) Internet-Petition „Keine Ehrung für Handlanger des Nazi-Regimes und Hersteller von Massenvernichtungwaffen“ unterschreiben.
Nunmehr wurde jedoch die Zeichnungsfrist am 21. Juni 2014 (vorzeitig ?) beendet. Während die Petition allein in den ersten vier Wochen bereits von 300 Personen unterzeichnet wurde, war die weitere Zunahme an Befürwortern eher bescheiden: so wurden Mitte August 2013 laut Website des Vereins beispielsweise erst 345 Unterschriften gezählt, unmittelbar vor dem Schluss der Aktion waren es ca. 390 Unterschriften.
Berücksichtigt man die Einwohnerzahl der Stadt Gersthofen (aktuell ca. 20.300 Bürgerinnen/Bürger), scheint das Interesse der Gersthofener an einer Umbenennung ihrer Wernher-von-Braun-Straße eher sehr gering zu sein, zumal die Petition des überregional vertretenen Vereins  auch Nicht-Gersthofener unterzeichnet haben dürften.

Diskussionen um Wernher-von-Braun-Schulen und -Straßen

verfasst am 12. April 2014

Meines Wissens gab es in Deutschland nur drei Schulen, die ursprünglich nach Wernher von Braun benannt waren: die heutige Realschule Rheinstetten bei Karlsruhe hieß bis 2008 Wernher-von-Braun-Schule, das Wernher-von-Braun-Gymnasium in Friedberg bei Augsburg (siehe Bild) gab im Dezember 2013 seinen Schulnamen zurück, nur die Wernher-von-Braun-Schule Neuhof bei Fulda, eine Gesamtschule, hielt bisher an ihrem Schulnamen fest. Das Namenskürzel WvB wurde sogar für das Schulmotto „Wir Vermitteln Bildung“ verwendet. Allerdings hat sich am 8. April 2014 in Neuhof die Gesamtkonferenz mit 75 Ja-Stimmen bei zwei Nein-Stimmen und drei Enthaltungen und die Schulkonferenz sogar einstimmig dafür ausgesprochen, den Schulnamen zu ändern. Da der Schulträger der Landkreis Fulda ist, kann nur der Kreisausschuss die endgültige Entscheidung treffen.

Nachtrag vom 9. Februar 2015: Anfang Dezember 2014 beschloss die Neuhofer Schulgemeinde, sich künftig nach dem Astronomen Johannes Kepler (1571-1630) zu benennen. Die Umbenennung erfolgt zum Halbjahreswechsel der Schule.
Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Gemeinde demnächst auch die Wernher-von-Braun-Straße, an der die Schule liegt, umbenennen. Die (CDU-) Bürgermeisterin von Neuhof ist eine starke Befürworterin des Wechsels des Straßennamens.

Erstaunlich eine der Begründungen des Schulleiters Bente für die Namensänderung laut Fuldaer Zeitung vom 10.12.2014: bei ihren Besuchen im KZ Mittelbau-Dora sei bei den Schülern mehr der geniale Forscher hängengeblieben und seine Leistungen seien mehr gesehen worden als seine Taten. Haben Jugendliche vielleicht eher ein Gespür dafür, dass die wahren Täter ganz andere Personen waren? Die, die in Uniformen mit Prügeln und Pistolen bewaffnet Häftlinge und Zwangsarbeiter drangsalierten und zu Tode quälten und hinrichteten? Dass sich die Ortspresse für den Namenswechsel stark machte, ist weniger überraschend und liegt im „Trend“. Als „Raketenbauer und Nazi, der mehr in die Misshandlung von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern verwickelt war als bisher angenommen“ (Fuldaer Zeitung 10.12.2014) wird Wernher von Braun hingestellt.

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