Das Historisch-Technische Museum Peenemünde

Technikausstellung oder volkspädagogische Information?

Seit 1991 existiert in Peenemünde auf der Insel Usedom das Historisch-Technische Museum Peenemünde (HTM), heute eine GmbH. Es befindet sich unmittelbar dort, wo bis Kriegsende unter der technischen Leitung von Wernher von Braun die Rakete A4 entwickelt wurde. Unter anderem unterhält das HTM einen Shop, der eine große Anzahl an Schriften und Büchern anbietet. Zur Ergänzung dieses Angebots schlug ich vor, meine im letzten Jahr erschienene Biografie „Zur Kritik an Wernher von Braun“ (siehe Rubrik „Neue Biografie über Wernher von Braun“ in dieser Website) mit in das Sortiment aufzunehmen. Doch das Museum lehnte vor wenigen Tagen ab. Die Begründung: die Biografie sei eine „sehr einseitige Apologie und ein untauglicher, da schon längst enttarnter Versuch, das geschehene Unrecht an die SS und die damalige politische Spitze des NS-Systems zu delegieren“.

In der Tat präsentiert das HTM für die Eintrittsgebühr (zurzeit 8 Euro für Erwachsene) nur relativ wenig Raketentechnik und -geschichte und kommuniziert dafür eher den, wie es heißt, „verhängnisvollen Pakt der Raketenbauer mit den damaligen Machthabern“. Das sollte jeder technisch interessierte Besucher des HTM wissen, vor allem dann, wenn er eine längere Anfahrt auf sich nehmen muss. Natürlich dürfen die vielen Opfer des A4-Raketenvorhabens keinesfalls vergessen werden, zu denen auch zivile Mitarbeiter der damaligen Heeresversuchsanstalt und ihre Familien zählen, die bei einem Luftangriff der Engländer auf Peenemünde ums Leben kamen. Doch ein Museum, das technisch und historisch ausgerichtet sein und neutral informieren will, sollte Peenemünde nicht gleichzeitig als Wiege der Raumfahrt, vor allem aber als „Brutstätte von Terrorwaffen und Massenvernichtungsmitteln“ sehen. Wo bleibt da die Begeisterung für die historische Raketentechnik, eine Disziplin, auf der Deutschland einmal weltweit führend war? Wo bleibt die Anerkennung der technischen Leistung von Wernher von Braun mit seinem Team, auch wenn er mit seiner Gruppe eine Kriegsrakete entwickelte und wusste, dass sie im thüringschen Untertagewerk mit massivem Einsatz von KZ-Arbeitern gebaut wurde?

Gerade in diesen Tagen wurde in den Medien im Zusammenhang mit „70 Jahre Befreiung von Auschwitz“ wieder einmal auf die fürchterlichen Gräueltaten in den Konzentrationslagern aufmerksam gemacht. Bedrückend und beschämend ist, wie KZ-Kommandanten und ihre Untergebenen, darunter auch Frauen, geradezu eine teuflische Freude daran hatten, Kinder und Erwachsene unter Zufügung unvollstellbar großer Schmerzen zu quälen und bestialisch zu ermorden. Das waren die Kriegsverbrecher und nicht Wernher von Braun, auch wenn ein Teil der Medien und damit leider auch weite Teile der Öffentlichkeit eine Nähe Wernher von Brauns zu diesen Schergen konstruiert. Wenn man dann weiß, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz dieser gewissenlosen Verbrecher nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen wurde, dann bleibt in der Tat nur Kopfschütteln, Wernher von Braun, der nie einem Häftling Böses angetan, nie jemand denunziert, Gewalt angetan oder gar geschlagen hat, ernsthaft eine Mitverantwortung an die Verbrechen des Nazi-Systems anzuhängen.

Schade, dass die teilweise abstrusen Vorwürfe erst lange nach dem Tod des einst mit hohen internationalen Auszeichnungen geehrten Raketeningenieurs und nicht schon zu dessen Lebzeiten bekannt geworden sind. Denn v. Braun hätte sich, ohne zu zögern, jedem Tribunal und Gericht gestellt – und Klarheit geschaffen. Wer von seinen vielen heutigen „tapferen“ Kritikern, die erst nach dem Tod von Brauns an die Öffentlichkeit gingen, hätte an seiner Stelle unter den damaligen Bedingungen in einer kompromisslos vorgehenden militärischen Diktatur anders gehandelt als er es tat – tun musste?
Schade auch, dass es das HTM nicht wagt, eine neue Biografie, die Wernher von Braun nicht als Kriegsverbrecher und Mitschuldigen am Tod von Tausenden von KZ-Arbeitern sieht und dies auch begründet, in sein Shop-Angebot aufzunehmen. Eine Contra-Position zu den vielen Anti-von Braun-Publikationen würde dem Museum nicht schaden. Doch andere Meinungen als die des HTM und des zuständigen Bundeslandes sind wohl nicht gewollt und sollen, so sieht es aus, gegen das Gebot der Meinungsfreiheit mit Nachdruck unterdrückt werden …

Horst Köhler