Diskussionen um Wernher-von-Braun-Schulen und -Straßen

Meines Wissens gab es in Deutschland nur drei Schulen, die ursprünglich nach Wernher von Braun benannt waren: die heutige Realschule Rheinstetten bei Karlsruhe hieß bis 2008 Wernher-von-Braun-Schule, das Wernher-von-Braun-Gymnasium in Friedberg bei Augsburg (siehe Bild) gab im Dezember 2013 seinen Schulnamen zurück, nur die Wernher-von-Braun-Schule Neuhof bei Fulda, eine Gesamtschule, hielt bisher an ihrem Schulnamen fest. Das Namenskürzel WvB wurde sogar für das Schulmotto „Wir Vermitteln Bildung“ verwendet. Allerdings hat sich am 8. April 2014 in Neuhof die Gesamtkonferenz mit 75 Ja-Stimmen bei zwei Nein-Stimmen und drei Enthaltungen und die Schulkonferenz sogar einstimmig dafür ausgesprochen, den Schulnamen zu ändern. Da der Schulträger der Landkreis Fulda ist, kann nur der Kreisausschuss die endgültige Entscheidung treffen.

Nachtrag vom 9. Februar 2015: Anfang Dezember 2014 beschloss die Neuhofer Schulgemeinde, sich künftig nach dem Astronomen Johannes Kepler (1571-1630) zu benennen. Die Umbenennung erfolgt zum Halbjahreswechsel der Schule.
Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Gemeinde demnächst auch die Wernher-von-Braun-Straße, an der die Schule liegt, umbenennen. Die (CDU-) Bürgermeisterin von Neuhof ist eine starke Befürworterin des Wechsels des Straßennamens.

Erstaunlich eine der Begründungen des Schulleiters Bente für die Namensänderung laut Fuldaer Zeitung vom 10.12.2014: bei ihren Besuchen im KZ Mittelbau-Dora sei bei den Schülern mehr der geniale Forscher hängengeblieben und seine Leistungen seien mehr gesehen worden als seine Taten. Haben Jugendliche vielleicht eher ein Gespür dafür, dass die wahren Täter ganz andere Personen waren? Die, die in Uniformen mit Prügeln und Pistolen bewaffnet Häftlinge und Zwangsarbeiter drangsalierten und zu Tode quälten und hinrichteten? Dass sich die Ortspresse für den Namenswechsel stark machte, ist weniger überraschend und liegt im „Trend“. Als „Raketenbauer und Nazi, der mehr in die Misshandlung von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern verwickelt war als bisher angenommen“ (Fuldaer Zeitung 10.12.2014) wird Wernher von Braun hingestellt.

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35 Jahre lang trug das Friedberger naturwissenschaftlich orientierte Gymnasium den Schulnamen Wernher von Braun und gab ihn nach jahrelangen Diskussionen in der Presse und der Öffentlichkeit Mitte Dezember 2013 zurück. Foto von Horst Köhler.

 

 

Doch in vielen deutschen Städten und Kommunen, insgesamt sollen es nahezu 100 sein, gibt es Straßen, die nach Wernher von Braun benannt sind. Während die zuständigen Gremien in vielen Städten und Orten keine Veranlassung sehen, von diesem Namen abzugehen, wird in anderen immer wieder die Umbenennung der Straßen gefordert. In meiner Wohngegend ist dies beispielsweise Gersthofen, die Nachbarstadt von Augsburg, wo vor allem der Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ und einige SPD-Fraktionsmitglieder schon seit dem Jahr 2001 für eine Umwidmung kämpfen (damals hat sie der Stadtrat bei einer Abstimmung abgelehnt), während andere Stadträte, wie die Fraktion der Freien Wähler, einen solchen Schritt für überzogen halten.

Seit 40 Jahren gibt es auch im Gewerbegebiet von Memmingen eine Wernher-von-Braun-Straße. Achtzehn Stadträte (GRÜNE, ÖDP, SPD, CSU, Christlicher Rathausblock) fordern seit einiger Zeit beharrlich die Umbenennung der Straße. Um ihrer Forderung mehr Gewicht zu geben, kam es am 22. März 2014 in der Memminger Stadthalle zu einem Vortrag von Dr. Jens Christian Wagner, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora/Thüringen. Wagner hatte sich auch in Friedberg für die Abgabe des Schulnamens des dortigen Wernher-von-Braun-Gymnasiums stark gemacht, indem er den Raketeningenieur als Täter innerhalb des NZ-Regimes bezeichnete.
Nachtrag vom 22. Juli 2014: Am 2. Juni 2014 kam bei einer Abstimmung im Memminger Stadtrat das endgültige Aus für die dortige Wernher-von-Braun-Straße im Gewerbegebiet Nord. Mit 21 : 9 Stimmen votierte der Stadtrat für eine Umbenennung. Künftig wird die Straße Rudolf-Diesel-Straße heißen.

In Thannhausen, etwa 35 km westlich von Augsburg gelegen, sprach sich der Stadtrat Anfang April 2014 mit großer Mehrheit gegen eine Umbenennung der dortigen Wernher-von-Braun-Straße aus. Im Vorfeld hatten einige Anwohner der Straße eine Unterschriftenaktion initiiert. Anfangs 2014 rief dann zunächst der Thannhauser Bürgermeister (Georg Schwarz) die Bevölkerung zu schriftlichen Stellungnahmen auf. Es beteiligten sich zwar nur 20 Personen, aber keiner von ihnen forderte die Umbenennung.
Der Stadtratsbeschluss besiegelte schließlich vor einigen Tagen die vorherrschende Meinung der Thannhauser für die Beibehaltung des Straßennamens.