W. von Braun: Schriftverkehr mit einer Stadt

Wie aus dem letzten Beitrag in dieser Rubrik vom 30. Juli 2016 (siehe weiter unten) ersichtlich ist, erhielten alle 40 deutschen Städte und Gemeinden mit Wernher-von-Braun-Straßen oder -Plätzen meine im Jahr 2014 erschienene Biografie über das Wirken des bekannten deutschen Raketeningenieurs während der Nazi-Herrschaft. Im Begleitschreiben wurde gebeten, bei einer etwaigen kritischen Überprüfung der NS-Belastung von Wernher von Braun auch die offensichtlich heute kaum noch bekannten entlastetenden Fakten zu würdigen.
In ihrer Rückmeldung führte eine der angeschriebenen Stadtverwaltungen aus, dass eine städtische AG historisch belastete Straßennamen der Stadt überprüft, aber vor wenigen Wochen ihre Tätigkeit bereits abgeschlossen hat und nunmehr wahrscheinlich im Herbst ihr Ergebnis dem Stadtrat vorlegen wird. Dann wird zu sehen sein, ob es in dieser Großstadt zum weiteren Verschwinden einer Wernher-von-Braun-Straße kommt.
In diesem Fall kam meine Aktion leider zu spät, bei anderen Städten und Kommunen hoffentlich noch rechtzeitig. Nachfolgend mein heutiges Antwortschreiben an die Stadt:

Über Ihre freundlichen Zeilen habe ich mich gefreut, auch wenn Ihre Stadt meine Biografie über den früheren deutschen Raketeningenieur Wernher von Braun zu spät für eine evtl. Berücksichtigung durch Ihre Arbeitsgemeinschaft „Historische Straßennamen“, die historisch belastete Straßen- und Plätzenamen überprüft, erhalten hat.

Ein derartiges Gremium ist um seine Arbeit wahrlich nicht zu beneiden, denn eine ausreichend gewissenhafte Würdigung des Schaffens und Wirkens der diversen heute als NS-belastet angesehenen Persönlichkeiten erfordert viel zeitaufreibende Recherche, Einfühlungsvermögen in die damalige politische und auch persönliche Situation der Betroffenen in einer Diktatur, jedenfalls nicht nur Übernahme von kritik- und haltlos übernommenen, meist einseitig übertriebenen Medien-Aussagen. Es wäre außerdem gut, wenn in derartigen Gremien nicht nur Kommunalpolitiker, Philologen und Historiker beraten, sondern auch Ingenieure, die in der Lage sind, die Bedeutung der herausragenden Leistungen und Entwicklungen zum Beispiel eines Wernher von Braun zu erkennen. Denn letztlich profitieren wir heute mit der friedvollen Raumfahrt und Satellitentechnik alle von dem Ideenreichtum und Visionskraft von Brauns, dessen große Motivation, auch in der Hitler-Diktatur, stets der zivile Einsatz der Großrakete war. Weil er dies öffentlich äußerte, saß er zwei Wochen lang in einem Gestapo-Gefängnis ein und kam nur durch Glück aufgrund seiner beruflichen Unabkömmlichkeit durch Fürsprache seiner militärischen Vorgesetzten frei. Ein drohender Strafprozess gegen ihn blieb bis Ende des 2. Weltkrieges immer nur ausgesetzt, war also nie eingestellt.

Natürlich war Wernher von Braun, den ich noch persönlich kennenlernen konnte, ein Karrierist; er war überaus ehrgeizig, duldete kaum Konkurrenz neben sich und genoss seine Privilegien (z.B. eigenes Flugzeug, Ernennung zum Professor durch Hitler). Was im Gegensatz zu vielen Medienberichten aber nicht zu belegen ist: er war kein Nazi (zur SS-Mitgliedschaft wurde er gedrängt), noch weniger ein Nazi-Verbrecher, noch konnte er das Leid von Tausenden KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern verhindern, die nach dem Bombenangriff auf Peenemünde untertage im Südharz unter menschenverachtenden Bedingungen und Überwachung durch die SS an der Serienherstellung der militärischen A4-Rakete schuften mussten. Er war ein feiner, gebildeter, musikalischer (Familien-)Mensch, lebte als überzeugter Christ seine streng protestantische Erziehung vor. Er war keiner von denen, die Menschen verachteten, denunzierten, quälten oder sogar schlugen oder bei Hinrichtungen zugegen waren, wie dies – fälschlicherweise – heutzutage gelegentlich ebenfalls behauptet wird.

Damals herrschte brutaler Krieg, eine Situation, in die sich die heutige Generation wohl kaum noch hineinversetzen kann. Der Missbrauch von Zwangsarbeitern und KZ-Häflingen galt in Deutschland auch bei der Bevölkerung als „normal“, weil freie Arbeitskräfte kaum zur Verfügung standen: in der Industrie (z.B. unterhielt BWM ein eigenes KZ), im Straßenbau, in der Landwirtschaft, natürlich in praktisch allen Rüstungsbetrieben, Kommunen, sogar in Kirchen und Klöstern. Nach zahlreichen Industrie- und Kirchenführern und Bürgermeistern dieser Zeit, die davon wussten und profitierten, sind heute Straßen, Plätze und kommunale Einrichtungen benannt, ebenso nach vielen deutschen Wissenschaftlern und Ingenieuren, darunter auch Nobelpreisträgern und Repräsentanten der besten deutschen Hochschulen und Universitäten, die für das A4-Raketenprogramm arbeiteten und in Peenemünde ein- und ausgingen.

Wenn also eine Wernher-von-Braun-Straße aus heutiger Sicht nicht mehr tragbar ist, müssten dann konsequenterweise nicht auch Hunderte weiterer Namen verschwinden? So etwa eine Messerschmitt- oder eine Bölkow-Straße, ein Krupp-Platz oder ein Blohm-&-Voss-Ring? Oder ein Hindenburg-Weg?

Nein, eine derartige AG wie die Ihrige hat wirklich keine einfache Aufgabe. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis in Sachen Wernher von Braun.

Mit freundlichem Gruß,
Horst Köhler